Ein Treffen pro Woche im Hauskreis – ist damit der Bedarf anchristlicher Gemeinschaft gedeckt?
Nein, meint Astrid Eichler, für Singles müsste es noch mehr geben, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen
und geistlich wachsen können. Nach Erscheinen ihres Buches hat sie sich mit anderen auf den Weg gemacht.
Tiefe Gemeinschaft – einige erleben sie in der Ehe, manche im Hauskreis,
doch bei vielen bleibt ein Vakuum. Viele Singles führen ein Leben im
Wartestand – sie warten auf ihren Traumpartner, die Gemeinde, die ihre
Bedürfnisse stillt – und verplempern dadurch ihr wertvolles Potenzial.
- „Peter und Liane kommen wieder zu spät … ‚Wir mussten noch die Kinder
ins Bett bringen’. Schön für sie, aber sie könnten sich auch so
organisieren, dass sie nicht immer zu spät zum Hauskreis kommen. So
schlimm, wie sie immer sagen, kann das mit den ganzen Kindern nicht
sein. Sollen sich freuen, dass sie Kinder haben. Sie haben welche und ich
… Nicht mehr lange, dann ist es aus und vorbei und dann?“
- „Drei Tage unterwegs, Rückkehr in die leere Wohnung, gähnende Leere,
stumme Stille. Wird wieder ein Fernsehabend, was sonst. Und dann ist
der Alltag wieder da. Es wäre so schön, jetzt erst Mal zu erzählen. Aber
zu Kerstin gehen? Nee, nicht schon wieder, nicht schon wieder auf den
Weg machen. Ich bin müde, müde vom Leben allein.“
- „Was die schon wieder haben: Frechheit! Ich könnte doch für das
Gemeindefest ins Zentralteam gehen, schließlich hätte ich doch Zeit. Die
haben eine Ahnung. Als Single habe ich auch nur die 24 Stunden am Tag
und ich muss mich um alles selber kümmern. Müll wegbringen, einkaufen,
die Sachen zur Reparatur schaffen. Das macht mir kein anderer, kein
Ehemann, keine Kinder. Alles muss ich selber machen, und das nach
einem anstrengendem beruflichen Alltag. Den Satz ‚Singles haben doch
Zeit.’ kann ich nicht mehr hören!“
Situationen aus dem Leben gegriffen. Natürlich ist das nicht alles. Aber es
sind Erlebnisse, Erfahrungen, Empfindungen, die viele täglich machen. Die
Rückkehr in die leere Wohnung, das Alles-Allein-Bewältigen-Müssen, das
Nicht-Verstanden werden. Das ist nicht alles in einem Single-Leben, aber es
ist häufig, schmerzlich und eine bleibende Herausforderung.
Traumhaftes Potenzial
In unseren Gemeinden gibt es viele unverheiratete Frauen – deutlich mehr
als Männer. Es ist ein traumhaftes Potenzial an Glauben, an Kraft, an Leben
in diesen Frauen (und einigen Männern). Aber soviel davon geht verloren,
weil das Leben ein Warten bleibt, ein Warten auf den Partner, manchmal ein
vergebliches Warten. Und was ist, wenn es so bleibt, wenn es ihn/sie nicht
gibt, wenn das Leben ein Leben ohne Partner/in bleibt?
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (Gen 2,18) Ein zentrales
Bibelwort, für viele die theologische Begründung für die Ehe. Es begründet
zunächst die Gemeinschaft von Adam und Eva, von Mann und Frau. Im
Alten Testament ist die Ehe die grundlegende und einzig mögliche
Lebensform für den Menschen. Doch das Neue Testament birgt in sich durch
das Kommen Jesu Christi ganz viele neue Möglichkeiten, so auch hier. Jesus
begründet die Möglichkeit, ohne Ehe zu leben: "Noch andere verzichten von
sich aus auf die Ehe, weil sie ganz davon in Anspruch genommen sind, dass
Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Das sage ich für die, die es
verstehen können." (Mt 19,12)
Paulus führt das weiter aus und spricht in diesem Zusammenhang von einem
Charisma der Ehelosigkeit. Er wirbt darum: "Allerdings wäre es mir lieber,
wenn alle ehelos lebten wie ich. Aber Gott gibt jedem Menschen seine
besondere Gnadengabe. Den einen gibt er diese, den andern eben andere.
Den Unverheirateten und den Verwitweten sage ich: Es ist am besten,
wenn sie meinem Vorbild folgen und allein bleiben.“ (1 Kor 7)
Gott ist Gemeinschaft
Seit Jesus ist das Leben ohne Ehe eine wirkliche Lebensmöglichkeit, ein
geistlicher Lebensstand. Es gibt eine Vision für ein Leben im Reich Gottes
unabhängig von Ehe oder Nicht-Ehe.
Das ist für manche vielleicht trotzdem ein furchtbarer Gedanke, und sie
wehren sich gegen diese Möglichkeit. Aber klar ist: Der Stand der
Ehelosigkeit ist nicht minderwertig. Im Reich Gottes wächst die Würde nicht
mit einer Ehe. Doch auch ohne Ehe, gewollt oder nicht gewollt, bleibt es
dabei: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.
Gott hat den Menschen zu seinem Bilde geschaffen, in Entsprechung zu ihm
selbst. Und Gott selbst ist in seinem Wesen Gemeinschaft. Die Dreieinigkeit
ist Gemeinschaft. Und Gott sucht Gemeinschaft. Er stiftet Gemeinschaft.
Jesus gründet Gemeinschaft. Sein Leben und Wirken ist ohne Gemeinschaft
nicht denkbar. Und dort, wo der Heilige Geist sein Werk tut, wirkt er
Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft ist konstitutiv für das menschliche Leben, wie Gott es
sich gedacht hat. Erst dort, wo ein Mensch sich auf Beziehungen und
Gemeinschaft einlässt, kommt sein Leben zum Blühen, wird Leben zu dem,
wie Gott es sich gedacht hat.
„Düngung“ für die Persönlichkeit
Aber wie, wenn nicht in der Ehe? Was gibt einer Gemeinschaft die
besondere Qualität, damit Leben sich entfalten kann und zum Blühen
kommt? Es ist ja bei weitem nicht einzig die sexuelle Dimension der
ehelichen Gemeinschaft, die der Ehe ihre besondere Qualität gibt. Es gibt
ganz andere Aspekte und Werte, die das Leben verändern, bereichern und
erfüllen.
Menschen, die in einer klösterlichen oder kommunitären Gemeinschaft leben,
bezeugen einmütig: „Leben in Gemeinschaft ist die beste (oder einzige?)
Voraussetzung, den eigenen Glauben zu ‚erden’ und im Glauben zu wachsen,
sowohl aufgrund des ‚Nestklimas’, der Wärme, die durch die Zugehörigkeit
gegeben ist, als auch wegen des ‚Reizklimas’, das durch die
unterschiedlichen Charaktere, Prägungen, Begabungen und Stile entsteht.“
Das ist wie „Düngung“ für die Persönlichkeitsentwicklung und sorgt für
gesundes geistliches Wachstum. In der Gemeinschaft gibt es Annahme und
Fürsorge, Ermutigung und Austausch, aber auch alltägliche Reibereien,
Streit, Versöhnung und Korrektur. Das alles fördert die Beziehungsfähigkeit
in jeder Hinsicht: zu mir selbst, zu den anderen, zu Gott. Ich bleibe nicht bei
dem, was ich habe und was ich kann. Miteinander werden völlig neue Gaben
entdeckt, neue Räume eröffnet, die ich allein nie sehen würde. Welch ein
Reichtum tut sich auf! Gemeinschaft ist ein Raum der Wertschätzung, der
Zuwendung, der Korrektur.
Z+K=W
Wo finden Singles solche Gemeinschaft? Es reicht nicht, im Arbeitsfeld in
eine „Zweckgemeinschaft“ eingebunden zu sein. In diesem Umfeld ist das
geistliche Weiterkommen sehr begrenzt und dem Leben fehlt Wesentliches.
Das gilt noch viel mehr, wenn das Arbeitsfeld eher schwierig ist und das
Letzte abverlangt. Die Formel heißt: Z+K=W. Zuwendung plus Korrektur
gleich Wachstum. Dazu sind tragfähige, belastbare Beziehungen außerhalb
vom beruflichen Alltag nötig.
Es gibt interessante Untersuchungen, die besagen: Jeder Mensch braucht,
um sich wohl zu fühlen, zehn bedeutsame Berührungen am Tag. Die sind
dann wie Sonnenstrahlen für eine Knospe, oder das Gießen nach der Hitze
eines Tages. Keimhaftes Leben kommt zum Aufblühen und Vertrocknetes
wird erfrischt.
Ist dazu nicht mehr nötig als ein Treffen in der Woche, mehr als
gelegentliche Zusammenkünfte? Solche Gemeinschaft braucht Raum zum
Leben, nicht nur Termine im Kalender.
Der dritte Weg
Heißt die Lösung: ins Kloster gehen? In eine Kommunität eintreten? Ja,
vielleicht. Durchaus ein möglicher Weg. Aber es muss auch noch was
Anderes geben, oder?
Nicht jede/r hat die Berufung, ins Kloster zu gehen. Nicht jede/r, vor allem
die, die fest im Beruf stehen und dort stark engagiert sind, passt in die
Struktur solcher Gemeinschaften hinein. Für viele liegt die Sendung, der von
Gott gegebener Auftrag in dem Beruf, den sie gerade ausüben.
Im Mittelalter gab es die Beginen, alleinstehende Frauen, die einen „dritten
Weg“ zwischen Kloster und Welt suchten. (Die Begarden waren eine
deutlich kleinere Männerbewegung). Sie lebten von ihrer Berufsarbeit,
bildeten ein Netzwerk untereinander und hatten einen geistlichen
Hintergrund. Also, schon damals gab es eine Alternative zum Kloster.
Vielleicht gilt es das wieder zu entdecken? Es gibt verschiedene Anfänge,
Neues zu entdecken, Neues zu gestalten.
Nach einer Tagung für Singles im November 2006 auf dem Dünenhof hat
unter uns eine „Such-Bewegung“ begonnen. Singles haben sich auf den
Weg gemacht, Gott und einander zu fragen: Gibt es noch etwas anderes als das,
was wir kennen und leben? Könnten nicht überall im Land kleine
Gemeinschaften entstehen, die einander unterstützen, einen Blick für
einander bekommen, Zeiten des Lebens teilen, einander Wärme und
Geborgenheit geben, Heimat und Herausforderung, neue Aufträge
entdecken, die füreinander sind?
Diesen Artikel finden Sie auch in einer Ausgabe der Zeitschrift
Das Hauskreis Magazin
